Kurzgeschichte: Blumen für Lisa-9

Zuvor erschienen in EXODUS 49 (2025)

Nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis 2026

Blumen für Lisa-9

1

Als wir Papa begruben, schien die Frühlingssonne auf Lisa-9 mit ihrem bunten Blumenstrauß.

Niemand sprach, als Papas Urne am Fuße der alten Buche versenkt wurde. Mama presste die Lippen fest aufeinander. Der Friedwald-Angestellte nickte uns zu.

Ohne Zögern trat Mama vor, griff zur Schaufel und ließ Erde auf Papas Urne prasseln.

Sie hörte gar nicht mehr auf zu schaufeln.

Der Mann vom Friedwald warf mir einen Blick zu. Meine Schwester aber war Luft für ihn.

Meine kleine Schwester, die früher meine große Schwester gewesen war.

Lisa war perfekt. Äußerlich neun Jahre alt. Für immer. Aber in Wirklichkeit erwachsen. Erwachsener als Papa, soviel stand fest. Sonst wäre das alles nicht passiert.

Aber … vielleicht beginne ich besser am Anfang.

2

Mein Name ist Timo. Mama und Papa nannten mich immer nur Tim. Einmal fragte ich sie, wozu mein o denn überhaupt da war, wenn es ohnehin nie verwendet wurde. Mama hieß ja schließlich auch nicht Mamao. Sie lachten sich tot. Ich ging damals noch in den Kindergarten, so lange ist das her. Es ist eine meiner ältesten Erinnerungen.

Als Papa Lisa von einer Dienstreise mitbrachte, war ich sieben. Das Taxi surrte schon wieder die Straße hinunter, als Papa mit seinem Koffer in der Hand die Haustür öffnete. Neben ihm stand ein Mädchen und lächelte. Es trug ein rotes Kleid und war etwas älter als ich.

»Hallo«, sagte das Mädchen.

»Wieso?«, sagte Mama nur.

»Das ist Lisa-9«, verkündete Papa. »Sie wird jetzt bei uns wohnen. Tim, zeig ihr doch dein Zimmer!«

»Aber …«, begann Mama, dann nickte sie mir zu. »Ja. Geht rauf. Das solltet ihr besser nicht hören.«

Wir hörten es aber doch, denn sie sprachen ziemlich laut. »Du wolltest doch immer eine Tochter!«, rief Papa.

»Aber doch nicht … verdammt, was ist sie eigentlich?«

»Eine Schwester für Timo.«

Da war es wieder, das o. Es hatte also doch eine Bedeutung.

Wir gingen in mein Zimmer und setzten uns auf den Teppich.

Ich zeigte Lisa meinen Bauernhof aus Holz. Anscheinend hatte sie so etwas noch nie gesehen. Sie sah glücklich aus.

»Was ist das?«, fragte sie und zeigte auf eine Kuh.

»Ein Esel«, grinste ich. »Wie alt bist du?«

»Ich wurde vor vierzehn Jahren hergestellt.«

»In einem Land ohne Kühe«, sagte ich. »Verstehe. Wenn ich lüge, lügst du auch.«

Lisa schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht gelogen.«

»Wollen wir nicht ehrlich zueinander sein?«

Da nickte Lisa. »Ich werde immer ehrlich zu dir sein. Ich bin kein Mensch. Ich wachse nicht. Ich sah schon immer so aus.«

»Du hast nie in die Windeln gemacht?«

»Ich habe keinen Stoffwechsel.« Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: »Das heißt, ich esse und trinke nicht. Deshalb muss ich auch nicht zur Toilette.«

»Toll«, sagte ich. »Ich muss immer in den unmöglichsten Momenten. Mitten in der Schulstunde. Oder … ach, egal. Aber wenn du kein Mensch bist, was bist du dann?«

»Ich bin Lisa-9.«

»Und ich heiße Tim.« Ich griff zu meinem Trecker-Puzzle aus Holz und zeigte es Lisa. »Wurdest du in einer Fabrik gebaut? Wie … Trecker?«

»Ja«, sagte Lisa.

»Wie?«

»Das weiß ich nicht mehr.«

»Nur Menschen vergessen Dinge. Maschinen nicht. Das weiß ich aus einem alten Buch.«

»Doch, auch Maschinen vergessen Dinge. Man nennt das Löschen

Ich sah mich um. »Vielleicht räumen wir mein Zimmer um, so dass wir ein Bett für dich aufstellen können.«

»Bevor Papa mich gekauft hat, habe ich in einer Kiste geschlafen.«

»Genau wie mein Kuschelhase Arno. Aus dem Kuscheltiere-Alter bin ich aber raus. Ich bin … fast acht.«

Beim Abendessen saß Lisa mit am Tisch. Mama hatte ihr keinen Teller hingestellt. Sicher wusste sie, dass Lisa nichts aß.

Papas gute Laune schien Mamas Schimpftirade überdauert zu haben. »Sie kann dir eine Menge beibringen, Tim. Wenn deine Lehrerinnen mal wieder …«

»Tim hat großartige Lehrerinnen«, fiel ihm Mama ins Wort.

»Außer in Mathe«, warf ich ein.

Mama stöhnte.

»Lisa schläft bei mir«, verkündete ich.

»Das kommt überhaupt nicht …« Mama verstummte, als Papas Hand nach der ihren griff. »Tut mir leid«, sagte sie dann. »Mir geht das alles etwas schnell. Euer … verdammt!« Sie schloss die Augen für einen Moment. »Dein Vater hat mir vorher nichts davon erzählt. Lisa ist zwar nicht die erste ihrer Art, die in unserem Land auftaucht. Aber immer noch selten. Da, wo sie herkommt, gibt es schon viel, viel mehr. Dort ist es normal, keine … keine echten Kinder zu haben.«

»Wo kommt sie denn her?«, fragte ich.

»Asien«, sagte Mama einsilbig.

»Warum haben die Asier keine echten Kinder?«, wollte ich wissen.

»Weil Kinder zu viele Fragen stellen. Es ist zu anstrengend, sie alle zu beantworten.«

Papa lachte. »Wer nicht fragt, bleibt dumm.«

Ich nahm mir noch etwas vom Kartoffelsalat und hielt ihn Lisa unter die Nase. »Schade, dass du nicht essen kannst. Mamas Salat ist der beste!«

»Danke«, brummte Mama. »Ich fühle mich schon viel besser.«

Mit leuchtenden Augen sah Lisa sie an. »Wir haben eine echt tolle Mama!«

Aus irgendeinem Grund fing Mama an, zu weinen.

Später war es Papa, der ins Kinderzimmer kam und darauf bestand, dass wir uns bettfertig machten.

»Ich leihe Lisa einen Schlafanzug. Er ist vielleicht etwas klein, aber …«

Papa nickte Lisa zu. »Wir werden in den nächsten Tagen ein paar Klamotten für dich besorgen. Ich gehe zur Tauschbörse, sobald ich kann.«

Ich lief zum Schrank und suchte den weitesten Schlafanzug heraus, den ich fand. Er war blau und hatte goldene Aufdrucke mit Raketen und Sternen.

Als ich mich umdrehte, hatte Lisa sich gerade ausgezogen. Ich reichte ihr eilig den Schlafanzug. Papa schaute mit zu, wie Lisa sich anzog.

Ich selbst zog mich lieber im Badezimmer um. Als ich wieder herauskam, saß Papa auf meinem Bett und Lisa auf seinem Schoß. Er küsste sie auf die Stirn und stand auf. »Dann schlaft mal gut«, sagte er. »Beziehungsweise … na ja, Lisa, du wirst schon eine Steckdose finden.«

Da musste ich kichern.

Als Papa gegangen war, setzte ich mich neben Lisa. »Also, wir könnten dir für diese Nacht auf dem Boden eine Decke und ein paar Kissen …« Ich biss mir auf die Zunge.

»Stimmt was nicht?«, fragte Lisa.

Ich sah ihr in die Augen. Sie waren braun. Sie sahen echt aus. Nicht wie die Knopfaugen von Kuschelhase Arno. Ich flüsterte, als ich fragte: »Darf ich dich mal berühren?«

»Natürlich, du bist doch mein Bruder!«

Ganz vorsichtig strich ich über ihren Unterarm. Ich legte meine Hand auf ihre. »Du bist warm. Ich dachte, Maschinen sind kalt.«

»Es ist wichtig, dass ich mich echt anfühle«, antwortete Lisa, die automatisch auch flüsterte. »Deshalb bin ich warm.«

Ich spürte ihren nackten Fuß an meinem. »Wenn Maschinen kalt wären, wärst du wohl eine«, grinste sie.

»Ich bin ein Roboter mit kaputter Heizung«, brummte ich. »Abends hab ich immer kalte Füße.«

Wir legten uns hin und deckten uns zu. Lisa schmiegte sich an mich.

»Ich brauche nie wieder eine Wärmflasche für die Füße«, flüsterte ich.

»Schlaf gut«, hauchte Lisa direkt neben meinem Ohr. Kaum hörbar.

Ich schlief sehr gut.

3

Lisa brauchte kein Licht. Wir spielten im Winter Verstecken im Dunkeln, und sie fand mich immer. Ihre Augen waren besser als meine. Sie lachte, wenn sie mich aufspürte, und ich lachte auch.

Aus irgendeinem Grund hatte sie ein Problem mit Türklinken. Einmal sperrte sie sich im Gästeklo ein.

»Komm doch einfach raus!«, rief ich vergnügt.

Lisas Stimme kam dumpf durch die Tür. »Fehler: Klinke nicht registriert.«

Ich gluckste. »Was willst du eigentlich da drin?«

»Tim.« Papa kam hinzu und rollte mit den Augen. »Wieso lässt du sie nicht einfach raus?«

»Wir spielen geschlossene Anstalt«, behauptete ich.

»Wo hast du das denn aufgeschnappt?« Papa öffnete vorsichtig die Tür und schaute durch den Spalt.

»Juhuu, endlich habe ich mein Brüderchen wieder«, sagte Lisa glücklich, als sie mich sah. Sie wollte mich in den Arm nehmen, aber ich spielte Windhose.

»Tim!«, rief Papa mir hinterher, aber ich rotierte schon im Garten und wurde nass, weil es seit Stunden regnete.

Lisa kam hinter mir her. Zum Glück war sie wasserfest. »Eure Sachen werden ganz nass!«, schrie Mama von der Terrassentür her. »Die müsst ihr gleich ausziehen!«

»Okay!«, rief Lisa und zog sich nackt aus. Ich machte es ihr nach. Mama schrie noch irgendwas, aber ich verstand sie nicht.

Hinterher musste ich Lisa abtrocknen und sie mich. Ich kicherte dabei, weil es kitzelte und kribbelte. Mama vergrub die Hände im Gesicht, als täten wir etwas Schlimmes. Dabei hatten wir Spaß. Wir fühlten uns wohl. Wir lachten. Ich weiß nicht, warum Mama nicht lachte. Vielleicht hatte sie Kopfweh. Das kam immer öfter vor.

Lisa durfte nicht mit in die Schule. Sie war ja kein Menschenkind. Außerdem wusste sie schon alles. Sie hätte der Lehrerin nur den allerletzten Nerv geraubt. Die Rektorin erklärte Mama bei einer Besprechung, dass der Umgang mit Androiden noch nicht in den Lehrplan eingearbeitet worden war, aber man würde Lisa vielleicht einmal in die Klasse einladen.

»Zum Begaffen?«, fragte Mama unfreundlich.

»Androiden haben gewisse schwierige Eigenschaften«, antwortete die Rektorin.

»Sie sind immer ehrlich«, sagte Mama.

Die Rektorin nickte. »Stellen Sie sich nur mal vor, wir Erwachsenen wären so.«

»Ja. Schönen Tag noch«, sagte Mama und wir gingen.

Am nächsten Tag holte mich Lisa von der Schule ab. Als die großen Jungs uns auflauerten, um mich zu mobben, rannte sie hinter ihnen her. Sie war schneller als wir Kinder. Ich konnte nicht sehen, was sie hinter dem Nussbaum mit den Jungs machte. Ich hörte nur jemanden weinen, und sie ließen mich fortan in Ruhe.

Lisa kam lächelnd zu mir zurück. »Ich muss dringend an die Steckdose«, sagte sie.

Zu Hause setzte sie sich an den Tisch, um mir bei den Hausaufgaben zu helfen.

»Ich kann das alleine!«, sagte ich. »Ich brauche dich nicht, ich bin schon groß!«

»Aber nicht so groß wie die anderen Jungs«, sagte Lisa. Ich schaute zu Boden. Da war ihr nackter Fuß. Ich kniete mich hin und klappte die Ferse auf. Zog das Kabel heraus und steckte es in die Dose an der Wand.

»Danke«, sagte Lisa. »Manchmal helfe ich dir und manchmal hilfst du mir.«

Ich brauchte wirklich keine Hilfe, mit den Aufgaben war ich zügig fertig. Lisa freute sich mit mir, dass wir jetzt viel Zeit zum Spielen hatten. Sobald sie aufgeladen war.

Es klingelte. Mischa von gegenüber kam zu Besuch.

»Ich muss heute keine Hausaufgaben machen, ich bin schlau genug!«, sagte er. Mischa war ein Angeber, wie die meisten Jungs im Dorf.

Ich zeigte auf Lisa. »Wollen wir in den Wald gehen und auf Bäume klettern?«

»Ladevorgang beendet«, sagte Lisa. Sie trennte sich selbst von der Steckdose und verstaute das Kabel in der Ferse. Mischa kicherte und wurde rot. Er sah vermutlich selten nackte Mädchenfüße, er hatte keine Schwester.

Im Wald zeigte Mischa uns, wie hoch er barfuß klettern konnte. »Er ist ein Angeber«, sagte ich zu Lisa und kletterte nicht höher als sie.

»Mischa, dünne Äste sind gefährlich!«, rief Lisa.

»Das spornt ihn nur noch mehr an«, sagte ich kopfschüttelnd.

Mischa tanzte weit oben im Ausguck ein Piratenlied. »Yo-ho, du wirst kielgeholt, mit ‘ner Flasche Rum!«

Es knackte, und er rutschte ab. Rauschte durch die Äste. Lisa sprang quer durch den Baum. Fing den Jungen auf, beide stürzten vom untersten Ast. So schnell konnte nur Lisa reagieren. Ich kletterte fix nach unten.

»Mir geht‘s gut«, wimmerte Mischa und hielt sich den Po. Er hatte einen harmlosen Kratzer im Gesicht. »Auuu ….«

»Oh nein«, flüsterte ich, als ich Lisas quer abstehenden kleinen Zeh sah.

»Es tut nicht weh«, sagte Lisa.

Mischa weinte. »Das wollte ich nicht! Wir rufen einen Arzt!«

Lisa schüttelte den Kopf. »Ich kann nur von meiner Herstellerfirma repariert werden. In Korea.«

»Papa wird schon was einfallen«, sagte ich und hoffte, dass er nicht schimpfen würde. Es war ja ein Unfall gewesen.

Mischa starrte den abstehenden kleinen Zeh an. »Wenn du was anziehst, sieht man es nicht so«, meinte er.

Ich sah dabei zu, wie Lisa sich ihre Socke überstreifte. Früher oder später würde Papa es natürlich herausfinden.

Auf dem Rückweg zu unserem Haus sagte Mischa plötzlich: »Lisa, gut dass du ein besserer Mensch bist.«

»Warum ist das gut?«, fragte Lisa, die kein bisschen humpelte.

»Nur eine Androidin wie du hätte mich so auffangen können.«

»Dafür ist sie jetzt kaputt«, murmelte ich. Ich fühlte mich schuldig. »Ich wünschte, mein Zeh wäre gebrochen!«, rief ich mit Tränen in den Augen. »Der würde heilen! Ihrer nicht!«

»Wir Androiden sind keine Menschen, deshalb sind wir auch keine besseren Menschen«, sagte Lisa-9. »Menschen wachsen, lernen, werden älter. Maschinen speichern Daten und vergessen nichts, aber irgendwann gehen wir kaputt und werden durch ein neues Modell ersetzt.«

»Du nicht!«, rief ich weinend und hielt Lisas Hand. »Du nicht!«

Mischa ergriff meine andere Hand.

4

Mama war noch arbeiten, als Papa von einer Dienstreise heimkam. Er war viel unterwegs als Experte für Beratung zu nachhaltiger Landwirtschaft. Das stand auf seiner Visitenkarte. Er hatte mir eine davon geschenkt, denn ich mochte die Blumen, die aufgedruckt waren.

»Ich habe mir den Mund fusselig geredet«, erzählte Papa. Er trank Kaffee und Lisa saß auf seinem Schoß, ließ die Beine baumeln. »Breitere Blühstreifen, mehr gute alte Insekten, weniger elektrische Bienen. Ihr glaubt gar nicht, wie leicht die kaputtgehen.«

»Aha«, machte ich und schaute betreten auf Lisas linken Fuß, der in einer pinken Socke steckte. Der verbogene Zeh war deutlich zu erkennen. Zum Glück hatte Papa nicht geschimpft.

»Wie läuft‘s in der Schule?«, fragte Papa und lächelte mich an.

»Super. In der Mathe-Arbeit hatte ich null Fehler.«

»Ich bin stolz auf dich«, sagte Papa und strich mir über die wirren Haare.

»Wenn ich groß bin, will ich auch mal Experte werden«, erklärte ich.

»Sehr gut!«

Als Papa seinen Kaffeepott geleert hatte, schaute er auf die Uhr. »Tim, tust du mir einen Gefallen? Läufst du aufs Feld und pflückst einen Blumenstrauß für Mama? Ich habe vergessen, einen zu kaufen.«

»Klar«, sagte ich und stand auf. »Komm, Lisa.«

Papa schüttelte den Kopf. »Geh alleine. Ich muss mich um Lisa kümmern. Du weißt schon. Um ihren Zeh.«

»Klar«, sagte ich und rannte los.

Als wir später alle beim Abendessen saßen, trank Papa ein kaltes Bier. Wasser lief außen am Glas runter. »Wisst ihr, eigentlich sollte Lisa verschrottet werden.«

»Wieso das denn?«, fragte Mama genervt. Nach einem kurzen Seitenblick auf Lisa, die regungslos vor einem leeren Teller saß, stopfte sie sich Nudeln in den Mund.

»Die Koreaner wollen immer das neueste Modell, die älteren werden billig abgegeben, die ganz alten oder solche mit kleinen Fehlern recycelt.«

»Aber Lisa hat doch gar keine Fehler«, erklärte ich.

Papa klopfte mit der Gabel gegen sein Bierglas. »Da waren die Koreaner anscheinend anderer Meinung.«

»Du willst also sagen, du hast sie vor der Verschrottung bewahrt«, sagte Mama scharf. »Du Held.«

»Schatz …«

»Dein Knowhow über modernen Ackerbau und bunte Blumen ist echt weltweit gefragt, oh ja, und nicht nur das«, redete Mama sich in Rage. »Renaturierung, naturbelassener Samen!«

»Bitte!«, sagte Papa betont ruhig. »Nicht vor den Kindern.«

»Wir haben nur ein Kind!«, schrie Mama zitternd.

Niemand sprach an diesem Abend noch ein Wort. Ich schlich in mein Zimmer und malte mit Filzstiften eine Familie mit zwei Kindern. Ich achtete gar nicht auf die Uhrzeit. Es war ganz still im Haus. Auf Socken schlich ich runter. Papa schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Lisa hatte sich an ihn gekuschelt. Es sah aber nicht sehr gemütlich aus. Ihr nackter Fuß ragte unter der Wolldecke hervor, das Kabel führte zur Steckdose. Der kleine Zeh fehlte jetzt ganz. Ich deckte den Fuß ganz vorsichtig zu.

Ich schlich wieder in mein Zimmer und suchte meinen alten Kuschelhasen. Alleine konnte ich nicht einschlafen. Ich hatte kalte Füße.

In der Folgezeit gewöhnten wir uns an den neuen Alltag zu viert. Mama hatte nicht mehr so oft Kopfschmerzen.

Mischa klingelte nie wieder.

»Er darf nicht mehr mit Fremden spielen«, erklärte Mama mir, als ich sie nach ihm fragte. »Und Lisa ist nun einmal … aus Korea.«

»Und sie ist kein Mensch«, flüsterte ich.

»Das darfst du nie vergessen«, sagte Mama und nahm mich in den Arm. »Sie wird nie dazugehören. Sie weiß immer alles besser. Alle anderen behaupten das nur.« Bitterkeit unterkühlte ihre Stimme.

Eine Woche später holte mich Lisa wieder von der Schule ab. Gesicht und Kleid waren schmutzig und sie stank fürchterlich. »Wer hat dich beworfen?«, fragte ich. »Und womit?« Ich verzog das Gesicht.

»Ältere Kinder«, sagte sie. »Mit Pferdeäpfeln. Ich werde es gleich abwaschen.«

Papa verbot Lisa daraufhin, das Grundstück zu verlassen. Lisa gehörte nicht dazu. Nicht zu den Dorfkindern, nicht zur Menschheit. Sie war anders. Eine Fremde.

Eine ganze Weile ging ich Lisa aus dem Weg. Wenn ich nicht zu ihr gehörte, gehörte ich doch zu den Dorfkindern, oder?

Leider sahen das die Dorfkinder anders. Auch als ich ohne Lisa auf dem Spielplatz auftauchte, warfen sie mir nur unfreundliche Blicke zu. Keiner spielte mit mir.

Als ein paar Tage später Mama mit Freundinnen unterwegs war und Papas Kumpels zu Besuch kamen, musste Lisa in den Keller. Sie konnte nicht alleine wieder raus, weil etwas mit der inneren Türklinke nicht stimmte. Die äußere bereitete ihr kein Problem.

Die Männer tranken und lachten viel. Und sie schimpften sehr lange und laut über Fremde, die sie überhaupt nicht kannten.

So laut, dass ich nicht einschlafen konnte.

Ich schlich in den Keller.

»Lisa?«

»Ich bin hier«, hörte ich ihre Stimme. Der Keller war voller Kartons und Säcken mit Saatgut. Lisa saß in der Ecke auf einer alten Decke und lächelte. Sie trug ein weißes T-Shirt mit aufgedruckten bunten Blüten.

Ich sah sie unschlüssig von oben an. »Ich … wollte schauen, ob du vielleicht Angst hast, weil die Männer so laut sind.«

»Ja«, sagte Lisa. »Ich habe Angst.«

Ich setzte mich zu ihr und wir nahmen einander in den Arm.

Am nächsten Tag pflückte ich nach der Schule bunte Blumen am Rand der Felder.

Blumen für Lisa-9.

5

Jahre vergingen. Irgendwann war Lisa nicht mehr meine große, sondern meine kleine Schwester. Ich kam in die Pubertät. Mama war immer öfter abends lange weg. Wir kamen miteinander klar. Irgendwie. Bis ich eines Tages einen gefalteten Zettel in meiner Schultasche fand. Einen Brief ohne Absender. Gefühlt kauerte ich stundenlang auf meinem Bett vor dem entfalteten Blatt Papier und starrte es an.

»Dein Papa steht auf kleine Mädchen«, stand da in großen lila Buchstaben.

Was war das? Eine Unterstellung? Eine Warnung? Ein Verdacht?

Oder die Wahrheit?

Ich sah meine Schwester an. Sie saß im Nachthemd auf dem Boden und sortierte mein Lego. So viel Geduld hatte ich einfach nicht, und sie machte es anscheinend sehr gerne.

Sie machte vieles gerne.

Aber Lisa-9 war kein kleines Mädchen. Sie zu lieben, war nicht verboten. Auch ich liebte sie. Und sie mich.

Wir hatten natürlich Sexualkunde in der Schule. Wir wussten, was Sex war. Was richtiger und falscher Sex war. Dass richtiger Sex immer einvernehmlich sein musste. Von Sex mit Androiden war im Unterricht nie die Rede gewesen. Hätte ich mich melden und nachfragen sollen?

Ich hatte Lisa oft genug nackt gesehen, um zu wissen, dass sie vollständig nachgebildet war. Und sie machte immer sanft »mmm«, wenn man sie streichelte. Egal wo. Ja … ich war neugierig gewesen.

Ein echtes Mädchen hätte das nicht mitgemacht. Das war mir klar. Und zwar nicht erst, seit im Sexualkunde-Unterricht alle ganz rot und totenstill geworden waren, als die Lehrerin gewisse Dinge erklärt hatte. Konnte Lisa überhaupt »Nein« sagen? War sie so programmiert?

Ich sah zu ihr rüber. »Lisa? Kannst du bitte das Nachthemd ausziehen?«

»Klar«, sagte Lisa und tat es. Sie trug nichts drunter. Ich konnte unter ihrer linken Fußsohle ihren Namen und den QR-Code mit ihrer Seriennummer sehen. Noch nackter ging nicht. Ich merkte, dass ich zitterte.

»Danke«, krächzte ich und zerknüllte den Brief. »Jetzt zieh es bitte wieder an.«

Andere Jungs prahlten damit, dass sie ein Mädchen hinter einer Scheune dazu gebracht hatten, sich für sie auszuziehen … »und noch mehr«, zweideutiges Grinsen.

Ich wusste, dass sie logen. Einige Mädchen plauderten manchmal mit Lisa. Und Lisa erzählte es mir, wenn ich sie fragte. Sie war ja immer ehrlich. So war sie programmiert.

Mir wurde heiß und kalt. Wenn jemand sie fragte, ob sie schon mal mit mir …

Ich hätte Lisa töten müssen, um das Geheimnis zu bewahren. Nein! Ich musste mit jemandem reden. Nicht mit Mama, so viel stand fest. Also mit Papa. Ich hatte Angst, aber es ging nicht anders.

Lisa sah aus wie ein Kind. Aber sie war keines. Wo war die Grenze zwischen Anschein und Sein?

Wie originalgetreu muss die Nachbildung eines Menschen sein, um als Mensch zu gelten? Ein Mensch war immer noch ein Mensch, wenn er ein Bein oder einen Arm aus Kunststoff hatte. Wie viele mechanische Teile müsste man bei Lisa gegen Fleisch austauschen, um sie zu einem Menschen zu machen? War es der Verstand? Das Gehirn? Die … Programmierung? War sie zu perfekt?

Ich druckste ziemlich lange rum, bevor ich Papa eines Abends endlich auf das Thema ansprach. Ich hatte Lisa gebeten, in meinem Zimmer zu bleiben.

Papa sah lange zu Boden, rieb sich den linken Arm. »Sie ist kein Mensch, sie tut nur so, alles ist simuliert«, stieß er hervor und wich meinem Blick aus.

»Sie simuliert nur, dass sie jemanden mag?«

»Sozusagen. So ist sie programmiert. Für sie ist es echt, echter geht es nicht. Sie kann ja nur simulieren. Sie kann nichts in echt fühlen. Das können nur wir Menschen.«

»Also … ist es nicht verboten? Ich meine, mit ihr … du weißt schon …«

Papa wischte sich durchs Gesicht, als könnte er die Verzweiflung loswerden, die darin arbeitete. »Rein rechtlich ist es nicht verboten, nein. Aber viele Menschen fühlen sich sehr unwohl bei diesem Thema. Deine Mutter zum Beispiel.«

Das stimmte ohne Zweifel.

Papa fuhr fort: »Weißt du, für dich ist das anders. Mit Lisa zusammen zu sein, ist leicht. Zu leicht. Es ist viel leichter, als sich eine echte Partnerin zu suchen, ihr zu vertrauen, sich ihres Vertrauens würdig zu erweisen.«

Ich konnte nichts entgegnen. So hatte ich meinen Vater noch nie reden gehört. »Was willst du damit sagen?«

»Wer immer nur den leichten Weg geht, und zwar mit Erfolg, wird nie mehr den schweren auf sich nehmen. Wir werden faul. Nehmen alles als gegeben. Werden dekadent. Wusstest du, dass die Koreaner in ein paar Generationen aussterben werden? Wahnsinnig viele Leute haben Androiden als Partner oder Kinder oder beides. Babys Fehlanzeige. Also, echte Babys. Die ganze Gegend wird vermutlich kurzerhand vom Norden übernommen. Die Androiden verschrottet oder was weiß ich. Es ist gut, dass es hier bei uns so viele Vorbehalte gibt. Stell dir vor, wenn es mehr wie Lisa gäbe. Wie … Smartphones. Irgendwann war es unnormal, keines zu haben. Und wenn es unnormal wäre, echte Kinder zu haben, hätten wir üble Probleme. Noch mehr üble Probleme, meine ich. Lisa ist eine Ausnahme. Eine Anomalie. Für sie gelten normale Maßstäbe und Regeln nicht. Und das ist auch besser so. Vergiss nie, was sie ist, egal was du tust.«

Mir war nicht entgangen, dass Papa vom Thema abgelenkt hatte. »Papa?«

»Ja?« Jetzt sah er mich an, wenn auch nur kurz. Seine Hände schienen miteinander einen Kampf auszutragen, den niemand gewinnen konnte.

»Wir müssen immer nett zu Lisa sein.«

»Ja. Und das werden wir. Natürlich werden wir das.«

6

Ungefähr seit meinem 14. Geburtstag ging Mama Vollzeit arbeiten. In der Stadt. Oft blieb sie über Nacht, wenn sie Überstunden machte und mal wieder Stau war und sie nicht pendeln wollte. Oder weil sie Lisa nicht ertrug.

Auch Papa war oft tagelang wegen irgendwelcher Projekte nicht daheim. Er war ein gefragter Experte für Blühstreifen, inzwischen auch in den Nachbarländern.

Ich hatte keine Freunde. Ich streamte Serien und spielte Games. Trotzdem waren die Abende lang.

Lisa leistete mir Gesellschaft. Sie war immer für mich da. Ich fing aus Langeweile an, Portrait-Fotos von ihr zu machen. Ich wollte ihr Lächeln unendlich vervielfältigen, speichern, bewahren. Ich benutzte die Schreibtischlampe wie einen Scheinwerfer, stellte die Cam-App auf Schwarzweiß. Ich bat Lisa, sich auszuziehen. Sie nackt zu fotografieren, verursachte ein wohliges Kribbeln in meinem Unterleib. Auch ich zog mich dabei aus. Das sei fair, redete ich mir ein.

Nur in meiner Fantasie wagte ich es, Lisa die eine Frage zu stellen. In meiner Vorstellung antwortete sie immer mit »Ja«. Dann stellte ich mir vor, wie ich mit Papa stritt. »Das macht man nicht!«, schrie ich.

»Genauso wenig darfst du mit deiner Schwester!«

»Und du nicht mit deiner Tochter!«

»Sie ist nicht meine …«

»Du nennst sie so!«

»Aber sie ist es nicht, und auf geiler Sexbot würde sie nicht hören!«

Ich schüttelte den Wachtraum ab wie einen kratzenden Pullover, ließ mich aufs Bett fallen. Die Uhr zeigte 02:08 an, aber ich konnte unmöglich schlafen. »Lisa? Kommst du mal zu mir?«

Sie setzte sich nackt auf die Bettkante.

»Wir könnten weit weggehen«, flüsterte ich. »Ich hasse das Leben hier.«

»Wohin möchtest du denn?«, fragte Lisa.

»Nimm mich mit zu dir. Wo du herkommst. Da bist du nicht unnormal. Da ist es nicht unnormal, mit dir zusammen zu sein. Dich liebzuhaben.«

»Du wirkst verwirrt und deprimiert«, sagte Lisa sanft. »Ich kann dich in den Arm nehmen, damit du dich wohlfühlst.«

Meine wirren Gedanken kondensierten zu einem »Ja«.

Wir kuschelten uns unter der Decke aneinander. Ich berührte sie. Sie war warm und zart. Sie machte »mmm«. Ich fühlte mich wohl. Wir fühlten uns wohl zusammen. Sehr wohl.

Als Mama am nächsten Tag heimkam, erwischte sie uns beim Knutschen. Sie schickte Lisa in den Keller. Es fühlte sich schrecklich falsch an.

Mama aß an diesem Abend ganz alleine zu Abend.

7

Einige Monate später, nach einem weiteren heftigen Streit mit Mama, kam Papa nicht mehr nach Hause.

»Er braucht wohl Abstand«, sagte Mama kalt.

Ich ging mit Lisa weit raus aufs Feld, wir pflückten Blumen. Sie tanzte in der Sonne. Ich machte Fotos.

Als wir heimkamen, stand ein Polizeiwagen vor der Tür. Zwei Beamte saßen bei Mama am Küchentisch.

»Geh in dein Zimmer«, brüllte Mama. »Sofort!«

Ich nahm Lisas Hand, wir rannten hoch, die Tür knallte. Wir setzten uns auf mein Bett.

»Was ist passiert?«, fragte Lisa.

Mein Herz klopfte, meine Hände zitterten. Lisa hielt sie fest. »Irgendwas Schlimmes«, sagte ich.

Ich hörte die Haustür, als die Polizisten gingen. Kurz darauf kam Mama rein, ohne anzuklopfen. »Du!«, sagte sie kalt zu Lisa. »In den Keller.«

Lisa widersprach nicht und ging hinunter.

Als wir die Kellertür zufallen hörten, griff sich Mama in die Haare. »Herrgott!«, rief sie und breitete die Arme aus. Dann sah sie mit roten Augen zu mir runter. »Dein Vater ist tot, Timo.«

Ich starrte sie lange an. »Warum?«, brachte ich hervor.

Mama schüttelte nur den Kopf. Setzte sich zu mir, wollte mich an sich drücken, aber ich konnte das nicht, rückte von ihr weg.

»Okay … Egal … Hör zu …«, sagte Mama und stand auf. »Er hatte eine Geliebte. Und ich einen Geliebten. Schon lange. Wir sind nur wegen dir zusammengeblieben. Ich …« Sie schüttelte den Kopf. »Ich wollte, dass du das weißt. Damit du nichts Falsches denkst. So wie … die anderen Leute.«

Sie ging zur Tür. »Wenn du was brauchst …«

»Okay«, sagte ich nur. Ich blieb zurück, allein in einem dunklen Raum voller Erinnerungen und loser Enden.

Als Tage später die Beerdigung anstand, bestand ich darauf, Lisa mitzunehmen. Ich hatte extra ein schwarzes Kleid für sie besorgt. Sie trug ja sonst nur bunte Sachen. Sie sollte sich auch verabschieden. Mama wollte widersprechen, aber schließlich nickte sie kraftlos.

Niemand sprach, als Papas Urne am Fuße der alten Buche versenkt wurde. Mama presste die Lippen fest aufeinander. Der Friedwald-Angestellte nickte uns zu.

Ohne Zögern trat Mama vor, griff zur Schaufel und ließ Erde auf Papas Urne prasseln.

Sie hörte gar nicht mehr auf zu schaufeln.

Der Mann vom Friedwald warf mir einen Blick zu. Meine Schwester aber war Luft für ihn.

Meine kleine Schwester, die früher meine große Schwester gewesen war.

Wir hatten auf dem Feld jeder einen bunten Strauß Blumen gepflückt. Gemeinsam, Hand in Hand, traten wir ans Grab und warfen sie hinein.

»Tschüss, lieber Papa«, sagte Lisa ganz leise.

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