Walpar Tonnraffir

Cover des neuen Post-SF-Romans

Der Zeigefinger Gottes taucht im Erdorbit auf, und Weltraumdetektiv Walpar Tonnraffir übernimmt die Ermittlungen. Trash-Sänger, Anwaltsheere und obskure Sektenprediger kämpfen um Deutungs- und Besitzhoheit, während sich Walpar mit seinem DVD-abhängigen Neffen, seiner abenteuersüchtigen Ex-Schwiegermutter und einer alleinerziehenden Auftragskillerin herumschlagen muss. Der satirische und temporeiche All-Ages-Roman verkuppelt Dirk Gently mit Jackie Chan und serviert Lucy Liu mit Elfenohren als Dessert. Schräg, schrill, kreativ – ein typischer Post-SF-Roman. Für Leserinnen und Leser ab 14 Jahre.

Endlich! Walpar Tonnraffir, der krude Weltraumdetektiv aus “Wodka auf Eis und Io” (abgedruckt in “Zisch Zitro für alle”), hat einen eigenen Roman. Das kongeniale Cover schuf Si-yü Steuber.

Es spielen mit:

Walpar Tonnraffir (30), Weltraumdetektiv mit pinguinförmigem Handy, in der Verfilmung gespielt von dem Schauspieler, der die Hauptrolle in der Verfilmung von Douglas Adams Dirk-Gently-Büchern spielt,

Kerbil Routwegen (13einhalbfast14), Walpars vorlauter Neffe, dessen Eltern gerade eine Europa(Jupitermond)-Kreuzfahrt unternehmen,

Nera Zerhunnin (28 (in Wirklichkeit 48)), Walpars Ex-Schwiegermutter, ausgestattet mit modischen Elfenohren, in der Verfilmung gespielt von Lucy Liu,

Lang X (25), professioneller Abenteurer mit vertraglich vereinbarter Satzstellungsschwäche, in der Verfilmung gespielt von Jackie Chan,

…sowie: eine alleinerziehende Auftragskillerin sowie deren Tochter, ein singender Hohepriester, der Chef des sonnensystemgrößten Rasierer-Herstellers, und noch ein paar ziemlich seltsame Leute.

Leseprobe gefällig? Bitteschön:

»… wenn Sie dann alle Ihre Raumanzüge so angelegt haben, dass das grüne Lämpchen am Handgelenk aufleuchtet, können Sie nacheinander in die Ausstiegsschleuse treten. Bitte immer nur vier Personen, und draußen auf keinen Fall in die Höhe springen, Sie kommen nie wieder herunter. Denken Sie daran, dass zur vollen Stunde die ökumenische Andacht auf dem Fingernagel stattfindet, und seien Sie pünktlich wieder hier. Wir bieten Ihnen auf der Rückfahrt noch eine hochinteressante Verkaufsveranstaltung. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, und nun viel Spaß auf dem Zeigefinger Gottes.«
Die Ansage verstummt, die Schleuse des Weltraumbusses von Müller Tours öffnet sich, und Walpar, Kerbil und Nera treten in Kompaktraumanzügen hinein.
»Ich werde keine frommen Lieder singen«, erklärt Kerbil mit Nachdruck und verschränkt die Arme vor der Brust. »Außerdem ist die Sauerstoffflasche auf meinem Rücken so klobig.«
»Großer«, sagt Nera ohne ihn anzusehen, »denk dran, dass wir vielleicht ins Fernsehen kommen, wenn Walpar die Story an seinen Sender verkauft.«
»Darf ich auch?«, fragt der Raumanzugträger, der mit den dreien in der Schleuse wartet.
»Was für eine Story soll das schon sein?«, brummt Kerbil verächtlich.
Walpar dreht sich zu ihm um. »Immerhin bin ich Detektiv, und falls hier jemand in die Luft gesprengt wurde, gibt es einen Täter zu ermitteln.«
»Ist dafür nicht die Polizei zuständig?«
»Wessen denn? Der Finger gehört niemandem.« Walpar zögert. »Gut, er hat vermutlich jemandem gehört. Aber aus territorialpolitischer Sicht …«
»Wenn’s mit Politik zu tun hat«, schnappt Kerbil, »erklär mir den Rest ein andermal.«
Leise zischt die letzte Luft aus der Schleuse, und die äußere Tür klappt auf. »Bitte steigen Sie zügig aus, damit die anderen Gäste nicht zu lange warten müssen. Müller Tours übernimmt keine Haftung und wünscht viel Vergnügen«, sagt eine Lautsprecherstimme.
Draußen wartet kosmische Schwärze über einer konkaven Ebene, die von meterbreiten Querfurchen durchzogen ist. Der Mond beleuchtet die Oberseite des Himmelskörperteils, dessen Schwerefeld nicht spürbar ist.
Ein umsichtiger Reiseleiter hat in regelmäßigen Abständen Stangen in den Finger gerammt und mit Halteschnüren verbunden. Das ermöglicht jedem Besucher sich einzuklinken und herumzuspazieren, ohne abzuheben. Man kann den Finger auch auf seinem Umfang umrunden, allerdings sollte man dazu schwindelfrei sein. Es ist eine Sache, nur das Nichts des Kosmos über dem Kopf zu wissen, aber wenn da die Erdkugel schwebt, haben die meisten Menschen das Gefühl, sie könnte ihnen auf den Kopf fallen.
Glücklicherweise rotiert der Finger nicht um seine Längsachse, so dass er der Erde ständig die Unterseite zuwendet.
»Ich wollte schon immer mal auf einem Finger stehen«, seufzt Nera. »Hm, der Untergrund ist ja gar nicht weich.«
Walpar kniet nieder und streicht mit der behandschuhten Hand über den Boden. »Interessant.«
Nera sinkt ebenfalls zu Boden. »Schade, dass wir die Haut nicht mit unserer eigenen betasten können. Der Raumanzug ist im Weg.«
»Wenigstens verhüllt der deine doofen Ohren«, kichert Kerbil.
Nera stöhnt. »Hast du deine Pille wieder nicht genommen?«
»Hab ich vergessen«, singsangt Kerbil.
»Oh nein. Junge, du weißt doch, dass du deine Pille nehmen musst, weil die Nebenwirkungen der Pubertät sonst unerträglich sind. Für dich und alle anderen.«
»Von der Pille muss ich dauernd kotzen und schlafe ein.«
»Besser als Stimmungsschwankungen und Aufmüpfigkeit.«
»Ich will aber aufmüpfig sein«, kreischt Kerbil und tritt Nera gegen das Schienbein. Dank dick isoliertem Raumanzug merkt sie nichts davon.
»Walpar, wir sollten uns beeilen. Der Junge braucht seine Pille.«
»Gehen wir zuerst in diese Richtung«, zeigt Walpar nach links. Er steht unter starken Schmerzmitteln und ist ziemlich guter Dinge.
»Wie groß ist dieses … Körperteil?«, fragt Nera. Kerbil folgt Walpar entlang der Leitschnur, Nera bildet die Nachhut.
»Die Länge beträgt ungefähr einen Kilometer, der Durchmesser 200 Meter.«
»Gott ist groß.« Neras Stimme klingt nach erzwungener Ehrfurcht.
»Und langweilig«, quengelt Kerbil.
Walpar zögert kurz, weil jemand einen riesigen Schriftzug auf die Seite der nächsten, zehn Meter breiten Querfurche gemalt hat: »Maniküre so gut wie gratis« heißt es da, und eine Email-Adresse steht darunter.
»Ich springe jetzt da rüber«, verkündet Kerbil. Die Erwachsenen holen noch Luft, um ihn zurückzupfeifen, da fliegt der Junge schon an ihnen vorbei und landet zielgenau am gegenüberliegenden Rand der Furche.
»Na warte«, entfährt es Walpar und schon schießt er hinterher.
Nera stöhnt, als würde ihr jemand die Ohren langziehen. Dann hangelt sie sich geduldig an der Leine entlang. »Können wir uns darauf einigen, nicht unser Leben aufs Spiel zu setzen? Auch wenn ziemlich viele Busse und Taxen in der Gegend herumfliegen, kann es gut passieren, dass niemand einen Anhalter mitnimmt, der hilflos durch den Kosmos driftet und ein bisschen mit den Armen wedelt.«
Kerbil hört auf, in gespielter Panik mit den Armen zu wedeln. »Schauen wir heute Abend zusammen einen alten Film?«
»Wie alt?«, fragt Walpar.
»Er wird dir gefallen.«
»Wirklich?«
»Es kommt ein Detektiv drin vor.«
»Wer ist das da vorne?«, mischt Nera sich ein.
»Wo?«
Nera bekommt Kopfschmerzen. Auch im Kosmos ist »vorne« eindeutig, wenn man auf einem länglichen Objekt steht und diesem in Längsrichtung folgt.
»Ach so.« Jetzt sieht auch Walpar die Personengruppe, die Nera gemeint hat. Es handelt sich um Leute, die es für notwendig halten, über ihren Raumanzügen tiefblaue Kutten zu tragen. Vermutlich wollen sie damit irgendeine Art von Spiritualität illustrieren, die mit Sicherheit irgendetwas mit dem Ort zu tun hat, an dem sie stehen.
»Kommen Sie nicht näher, im Namen des Herrn.« Walpar, Kerbil und Nera sind in Funkreichweite, so dass sie den Wortführer der Kuttenträger hören können. Unschlüssig lässt Walpar den Blick über die Gruppe schweifen. Es ist offensichtlich, dass sie den Weg zum Ende des Fingers versperren. Sie bilden eine Kette, wenn nicht gar einen Ring, um niemanden vorbei zu lassen. Aus der Entfernung ist das gut zu erkennen. In der Tat ist die menschliche Mauer so weit entfernt, dass man sich nur mit lauten Rufen verständigen könnte.
Über Funk sind sich die Besucher und die Kuttenträger viel näher. Walpar findet das ungewohnt. Außerdem kann er nicht erkennen, wer der Wortführer ist, der ihn aufgefordert hat, nicht näher zu kommen. Mangels eines konkreten Ansprechpartners identifiziert Walpar die Stimme im Lautsprecher automatisch mit dem gesamten Kuttenring.
»Warum? Brauchen wir eine Eintrittskarte?«, fragt er unschuldig. Nera stöhnt leise, und Kerbil kichert.
»Wir sind die Stimme der Pietät«, erklärt der Kuttenring feierlich. »Hinter unseren Rücken liegt die Wunde Gottes. Niemand soll die Verletztlichkeit des Herrn aus Sensationsgier beflecken, Fotos davon machen, sein rohes Fleisch als Andenken mitnehmen oder seinen Namen hineinritzen.«
Inzwischen haben sich weitere Pilger auf der Anhöhe eingefunden. Unzufriedenes Gemurmel schwingt auf der allgemeinen Frequenz, bis eine feste Stimme donnert: »Ich habe meiner Tochter aber ein Foto vom bloßen Knochen versprochen!«
»Und ich will Blut sehen!«
»Wir haben dafür bezahlt!«
»Ich habe mir extra eine neue Kamera gekauft!«
Walpar schließt kurz die Augen. Er bedauert, dass sich die Lautsprecher im Anzug aus Sicherheitsgründen nicht abschalten lassen. Schweiß steht auf seiner Stirn, aber er kann ihn nicht abwischen.
»Was machen wir jetzt?«, fragt Nera.
»Mich hält niemand auf«, donnert die laute Stimme von vorhin, und rechter Hand macht sich ein rosa Raumanzug energisch auf den Weg Richtung Barriere.
»Im Notfall wenden wir Gewalt an, um der Pietät willen«, meldet sich erneut der Sprecher der Blaukutten. Es erfolgt keine Antwort, aber als der rosa Dissident sich dem Schutzwall nähert, kommt es zu einem Handgemenge. Gemischte Flüche tönen in den Lautsprechern.
»Wir versuchen es beim Fingernagel«, entscheidet Walpar und wendet den Blick ab. »Da ist ohnehin gleich die Andacht.«
»Den ganzen Weg umsonst«, klagt Kerbil.
»Welchen Film möchtest du heute Abend anschauen?«, lenkt Nera ab, während sie sich hinter Walpar auf den Rückweg macht.
»Gar keinen«, trotzt Kerbil, »jedenfalls nicht mit euch, ihr seid echt blöd.«
»Man nennt das erwachsen«, meint Nera freundlich. »Walpar, was waren das für Kuttenleute?«
»Ich habe keine Symbole gesehen, und es trugen längst nicht alle die blauen Kutten.« Er überlegt kurz. »Vielleicht ist es eine unorganisierte Aktion. Eine spontane Pilgermiliz.«
»Die haben was zu verbergen«, behauptet Kerbil.
»Wie kommst du darauf?«
»Weil da kein Blut ist, kein Knochen und kein Fleisch.« Kerbil klingt wie ein Lehrer, der Zehntklässlern Bruchrechnung beibringen will.
»Interessante Theorie«, findet Walpar. »Kannst du sie beweisen?«
Nera schnauft. Walpar weiß nicht genau, ob aus Unwillen oder vor Anstrengung, denn die Kletterei in der Schwerelosigkeit geht an die Kondition.
»Nein«, ruft Kerbil fröhlich. »Glaubst du an Gott?«
»Ich …« Walpar schluckt, weil er fast die Leine losgelassen hat. »Das ist kompliziert.«
»Eigentlich nicht«, meint Kerbil. »Aber wenn dir die Frage zu kompliziert ist, stelle ich dir eine einfachere.«
»Danke«, sagt Walpar erleichtert.
»Glaubst du, dass Gott wie ein Mensch ist, bloß zehntausendfach größer?«
Walpar muss diesmal nicht lange überlegen. »Nein«, sagt er entschieden. »So große Menschen kann es nicht geben.«
»Na also. Also ist dies kein echter Zeigefinger. Demzufolge …« Auch Kerbil keucht jetzt, weil er mal wieder versucht, über eine Querfurche zu springen. »Demzufolge besteht er nicht aus Fleisch und Blut. Daher gibt es an der Fingerwurzel etwas anderes zu sehen. Und die Kerle wollen verhindern, dass wir erfahren, was das ist. Quod erat dingensdarum.«
»Demonstrandum«, hilft Nera.

Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes erscheint im Juli 2010 im Atlantis-Verlag und kann schon jetzt beim Verlag oder bei Amazon
vorbestellt werden. Auch als exklusive Hardcover-Ausgabe in der Edition Atlantis!

2 Responses to “ Walpar Tonnraffir ”

  1. Martin Zeeb on 2. Sep 2010 at 10:12

    Yeah!
    Walpar ist da!
    Und du sagst nix!!

    Also: ich hab ihn schon gelesen.
    Mein Kommentar:
    “So schön schräg, dass man sich beim Lesen irgendwo festhalten sollte um nicht umzufallen!”
    VIEL SPAß!

  2. uwe on 2. Sep 2010 at 10:42

    Ich wollte Dich Samstag mit Deinem Exemplar überraschen ;-)

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